Die Nike von Berlin
111 Jahre Leni Riefenstahl
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Am 29. Juli begann mit der Eröffnungsfeier die diesjährigen Olympiade in London. Dem Spektakel voraus ging der traditionelle Fackelzug, der die Olympische Flamme vom heiligen Hain in Olympia an den Spielort bringt. Während diesem Ereignis stets eine grosse mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird, wird die Tatsache meist ausgeblendet, dass die Tradition des Fackelzuges für die moderne Olympiade auf den Sportfunktionär der NSDAP Carl Diem und die Berliner Olympiade des Jahres 1936 zurückgeht. Bei genauem Hinsehen muss die Olympiade der Nationalsozialisten in vielerlei Hinsicht als stilprägend für zukünftige Spiele und die multimediale Inszenierung grosser Sportanlässe überhaupt betrachtet werden. Das Spektakel der Spiele, das die eigentlichen Wettkämpfe zwischen aufwändigem Rahmenprogramm, monumentaler Architektur und Propaganda der veranstaltenden Institutionen nahezu untergehen lässt, erhält 1936 wichtige Komponenten seiner formalen Struktur.
Während das internationale Olympische Komitee sich stets darum bemüht, die Spiele oberflächlich mit  jeweils aktuellen politischen Themen aufzuladen, ist die effektive politische Aussage eines sportlichen Wettkampfs so unterdefiniert, dass sie von dem jeweiligen Veranstalter oder unterstützenden Institutionen (sei dies die NSDAP oder Coca Cola und McDonald's) vereinnahmt werden kann und zu einer banalen Affirmation der gegenwärtigen Machtstruktur verkommt.

Die unteren 10000 begeben sich auf die Suche nach Spuren des deutschen Faschismus und seiner Ästhetik in der Inszenierung zeitgenössischer Sportereignisse und insbesondere der Olympiade. Dabei geht die Gruppe vor nach den Methoden des postdramatischen Themen- und Diskussionstheaters, wie es unter anderem durch René Pollesch oder die neueren Dramentexte von Elfriede Jelinek populär geworden ist. Der Spieltext wird im Probenprozess auf der Grundlage von historischen und kulturwissenschaftlichen Schriften, Filmrezeption und Diskussionen des gesichteten Materials gemeinsam mit den Ensemble erarbeitet. Durch die hohe Relevanz der Körperdarstellung bietet es sich an mit choreographischen und tänzerischen Mitteln zu arbeiten. Einerseits gilt es dabei die Körper-, Bewegungs- und Choreographiekonzepte von Rudolph von Laban und Mary Wigman zu diskutieren. Diese wichtigen Vertreter des Ausdruckstanzes standen mit ihrem erneuerden Tanzverständnis unkritisch gegenüber dem deutschen Faschismus. Mary Wigmans Massenchoreographie für die Olympiade 1936 sei dabei besonders erwähnt.  Andererseits soll sich die Choreographie an Stilen wie dem von Jan Fabre orientieren. In seinen politisch hoch reflektierten Inszinierungen ist die Körperdarstellung von äusserst hoher Wichtigkeit, wobei Grenzen ausgelotet und Alltagsbewegugen ad absurdum gefürht werden. Dieser Zugang bildet eine Gegenthese zur unreflektierten Körperdarstellung dieser beiden deutschen Ausdruckstänzer. Die Inszenierung funktioniert jenseits von Rollenidentität und imitierter Handlung, sondern verhandelt diskursiv die problematische Themenstellung. Widersprüchlichkeiten im vorliegenden Stoff sollen dabei nicht aufgelöst werden, sondern bleiben als Teil des Konzepts bestehen und werden exponiert.

Nachdem die unteren 10000 mit Rosenkranz und Güldenstern sind tot 2012 jene Problemstellung illustrierten, die Peter Szondi als "Krise des Dramas" bezeichnet, soll nun mit Die Nike von Berlin ein Lösungsansatz präsentiert werden. Die Leitlinie bilden dabei die Theorien des Berliner Theaterwissenschaftlers Hans-Thies Lehmann zum postdramatischen Theater. Die Inszenierung versucht, aus Lehmanns deskriptivem Ansatz eine Poetik der Inszenierung abzuleiten, die Szondis Krise durch die prozesshafte Produktion und die Entwicklung neuer szenischer Formen hinter sich gelassen hat.
Aufführungen

Mittwoch, 30.01.2013 um 21:00
Donnerstag, 31.01.2013 um 21:00
Wasserwerk Club
Ensemble

Produktion, Regie
Martin Obrist

Regieassistenz
Johanna Hilari

Musikalische Leitung
Moritz Achermann

Text / Dramaturgie
Tobias Brücker
Martin Obrist

Bühnenbild
Angela Wüst

Kostüme
Sandro Ilg

Licht
Kevin Schneeberger

Schauspiel
Moritz Achermann
Anne-Sophie Mentha
Maximilian Pahl
Andrea Scheidegger

PR
Andrea Scheidegger


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